Biotin ist ein wasserlösliches Vitamin aus dem B-Komplex und wird in Deutschland auch Vitamin B7 genannt. Diese Bezeichnung ist allerdings international unterschiedlich, weshalb die IUPAC (International Union of Pure and Applied ChenmnistryI) empfiehlt, bei der eindeutigen Bezeichnung Biotin zu bleiben.

 

Die meisten Bakterien und viele Pflanzen können Biotin selbst herstellen. Von hier aus verbreitet es sich in der Nahrungskette und ist daher in vielen Lebensmitteln vertreten. Auch unterschiedliche Bakterien im Dickdarm des Menschen können Biotin herstellen. Da die Aufnahme allerdings bereits im davor liegenden Dünndarm erfolgt, kann diese enterale Quelle nicht genutzt werden.

 

Mit der Nahrung aufgenommenes Biotin liegt zumeist an Proteine gebunden vor, die zunächst im Zuge der Verdauung abgespalten werden müssen. Das frei gewordene Biotin wird anschließend über aktiven Transport in die Zellen des Dünndarms aufgenommen. Nur bei sehr hohen Konzentrationen in der Nahrung kann Biotin auch passiv in die Zellen diffundieren. Von dort aus gelangt es über die Blutbahn in alle Körperzellen, wo es als Coenzym agiert und zügig verbraucht wird. Da keine Speicherung erfolgt, muss es stetig mit der Nahrung aufgenommen werden.

Wofür brauchen wir Biotin?

Biotin agiert im Körper als Coenzym für unterschiedliche Carboxylasen. Dabei handelt es sich um Enzyme, die eine Einbindung von Kohlendioxid in einen Ausgangsstoff katalysieren. Was nach einer vermeintlich kleinen chemischen Reaktion klingt, hat für den Stoffwechsel eine große Bedeutung. Hierdurch erfüllt Biotin folgende Funktionen im Körper:

  • Unterstützung der Neubildung von Glucose als Hauptenergielieferant für den Körper
  • Synthese von Acetylcholin und Aspartat (Botenstoffe im Nervensystem)
  • Synthese von Fettsäuren, insbesondere Prostaglandine (Gewebshormone)

Neben seiner Eigenschaft als Coenzym wirkt Biotin regulatorisch auf die Expression von mehr als 2000 Genen. Hierzu bindet es im Zellkern an sogenannte Histone, die dafür zuständig sind, wie das komplexe DNA-Molekül verpackt ist. Durch diese Bindung verändert sich die Form des ineinander gewundenen Erbguts, sodass bestimmte Gene zugänglich werden und abgelesen werden können. Details zu dieser Funktion von Biotin werden aktuell in zahlreichen Laboren weiter erforscht.

Wo ist Biotin enthalten?

Biotin ist, zumindest in geringen Mengen, in annähernd jedem Lebensmittel enthalten. Eine gute Quelle ist unter anderem ein Ei. Dabei muss allerdings beachtet werden, dass Biotin nur im Eigelb enthalten ist. Das Eiklar dagegen enthält Avidin. Dieses geht mit Biotin, wenn sie in Berührung kommen, eine so feste Bindung ein, dass das Biotin bei der Verdauung nicht abgespalten und aufgenommen werden kann. Bei einem gegarten Ei ist das Avidin zerstört und kann diesen Effekt nicht entfalten. Aus diesem Grunde können in großen Mengen verzehrte rohe Eier zu einer Unterversorgung mit Biotin führen, da auch Biotin aus anderen Lebensmitteln im Magen durch Avidin für die Aufnahme blockiert wird.

 

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DEG) schätzt den täglichen Bedarf an Biotin für einen Erwachsenen auf etwa 40 µg. Bei Stillenden liegt er mit 45 µg etwas höher. In einem Ernährungsbericht der DEG aus dem Jahr 2012 geht sie davon aus, dass ein Großteil der Bevölkerung diese Menge über die normale Ernährung erreicht. Es gibt keine Hinweise dafür, dass ein breiter Biotinmangel in Deutschland vorliegt.

Zehn gute Biotin Quellen sind:

Was passiert bei einem Mangel an Biotin?

Neben einer Mangelernährung, die in der Regel zu einer Unterversorgung einer ganzen Reihe von Vitalstoffen führt, können auch andere Faktoren einen Biotinmangel begünstigen:

  • häufiger Verzehr von rohem Eiklar
  • längere Einnahme von Antibiotika
  • Alkoholismus
  • Einnahme von Antikonvulsiva (Medikamente gegen Epilepsie)
  • chronische Darmerkrankungen

 

Ein Mangel an Biotin macht sich zunächst durch folgende Symptome bemerkbar:

  • Haarausfall
  • Störungen der Haut
  • starke Müdigkeit und Kraftlosigkeit
  • Muskelschmerzen
  • erhöhte Cholesterinwerte

Bei einem ausgeprägten und lang anhaltendem Mangel kommt es zur Beeinträchtigung des Immunsystems (insbesondere auf der Haut), Herz-Rhythmus-Störungen, Abfall des Blutdrucks und Unterzuckerung.

Was passiert bei einer Überversorgung mit Biotin?

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) nennt keine Obergrenze für die tägliche Zufuhr von Biotin. Aufgrund der aktuellen Datenlage lässt sich keine Gefahr einer Überdosierung erkennen. Das Institut weist aber dringend darauf hin, dass Personen, die größere Mengen Biotin über Nahrungsergänzungsmittel zuführen, dies ihrem Arzt mitteilen sollten, wenn eine Blutuntersuchung ansteht. Unterschiedliche Laborwerte können unter Umständen verfälscht werden, wodurch eine falsche Diagnose abgeleitet werden könnte.

Wann ist eine Substitution von Biotin ratsam?

Da eine Überdosierung ungefährlich ist, wird Biotin sehr häufig prophylaktisch in Form von Nahrungsergänzungsmittel zugeführt. Häufig wird Biotin damit beworben, für feste Nägel und eine schöne Haut zu sorgen. Die Verbraucherzentrale bewertet das als kritisch. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) gestattet zwar Werbeversprechen für eine „Erhaltung normaler Haut und Haare“, doch ein positiver Effekt von Biotin auf Nägel darf aufgrund mangelnder Belege in der EU eigentlich nicht beworben werden. Natürlich gibt es bei den Formulierungen einige Schlupflöcher, doch sollten die Erwartungen in eine derartige Wirksamkeit nicht überschätzt werden.

Grundsätzlich gilt, wie bei allen Vitaminen, dass ein gesundheitsfördernder Effekt durch eine Substitution nur dann stattfinden kann, wenn die betreffende gesundheitliche Einschränkung auf einem tatsächlichen Mangel beruht. Liegen andere Ursachen vor, dann müssen diese angegangen werden.

Wenn eine tatsächliche Unterversorgung droht, kann diese problemlos mit einer Substitution begegnet werden, um so einen Mangel vorzubeugen oder zu beheben.

Dies gilt unter anderem für:

  • Stillende
  • Menschen mit chronischen Darmerkrankungen
  • Menschen mit einer Epilepsie
  • Menschen während oder nach einer längeren Therapie mit Antibiotika

Bei Unsicherheit ist es immer ratsam, eine Substitution mit dem Hausarzt zu besprechen.

Welche Wechselwirkungen gibt es mit anderen Vitalstoffen?

Zwischen Biotin und Vitamin B5 (Pantothensäure) besteht direkte Konkurrenz bei der Aufnahme in den Darm. Das liegt daran, dass das gleiche Transportprotein für beide Vitamine zuständig ist. Dies kann dazu führen, dass bei einer sehr hohen Konzentration des einen Vitamins das andere verdrängt wird und dadurch nicht aufgenommen werden kann. Im Zweifel könnte so mittelfristig ein Mangel entstehen. Aus diesem Grunde ist es ratsam, bei einer langfristigen zusätzlichen Gabe beide Vitamine gemeinsam zu substituieren

Fazit

Biotin ist für grundlegende Stoffwechselschritte im Körper essentiell. Da es in der Natur weit verbreitet ist, ist ein Mangel eher selten. Nur wenige Faktoren jenseits der Ernährung können eine Unterversorgung begünstigen. In einem solchen Fall ist eine Substitution unkritisch, da eine mögliche Überversorgung ohne Risiko ist. Biotin wird häufig als Schönheitsprodukt beworben, diese Wirkung ist allerdings kaum belegt und greift eher nur bei einem Mangel. Eine Unterversorgung führt ohne Frage zu Hautstörungen und Haarausfall, doch eine Versorgung über den Bedarf hinaus hat wahrscheinlich keinen besonderen Vorteil.

 

Achtung: Bei einer Laboruntersuchung des Blutes sollte der Arzt unbedingt darüber unterrichtet werden, wenn Biotin in großer Menge eingenommen wird. Die Laborwerte könnten verfälscht sein.

 

Autor

Dr. rer. nat. Annika Mix

Annika Mix ist promovierte Biologin und Wissenschaftsjournalistin. Nach ihrem Studium an der Ruhr Universität Bochum arbeitete sie einige Jahre in der medizinischen Grundlagenforschung. Mit einer anschließenden journalistischen Weiterbildung erfüllte sich den Wunsch, auf freiberuflicher Basis Wissen aus dem Bereich von Gesundheit und Forschung alltagsnah zu vermitteln. http://www.anysci.de/

Quellen

Deutsche Gesellschaft für Ernährung: Biotin – Schätzwerte für eine angemessene Zufuhr

https://www.dge.de/wissenschaft/referenzwerte/biotin/?L=0

 

Deutsche Gesellschaft für Ernährung: Ernährungsbericht 2012

https://www.dge.de/wissenschaft/ernaehrungsberichte/ernaehrungsbericht-2012/?L=0

 

Bundesinstitut für Risikobewertung: Höchstmengenvorschläge für Biotin in Lebensmitteln inklusive Nahrungsergänzungsmitteln

https://www.bfr.bund.de/cm/343/hoechstmengenvorschlaege-fuer-biotin-in-lebensmitteln-inklusive-nahrungsergaenzungsmitteln.pdf